Mit Monatsende sind es nun 6 Monate, die ich zu Hause bei den Kindern bin, das bedeutet zugleich Halbzeit. Mir kommt es vor, als wäre ich schon viel länger zu Hause. Nach Resumee (wie vor 4 Monaten) ist mir gerade nicht so aber nach ein paar – angerissenen – Gedanken dazu:
Ich bin durch die lange Zeit schon voll und ganz in „die andere Seite“ des Familienalltags eingetaucht und muss sagen, ich hätte mir es weniger anstrengend vorgestellt. Die Kinder fordern in diesem Alter einfach ein permanentes Anwesend-Sein, Für-sie-da-Sein und zugleich ist das Zuhause ihre Probebühne des Lebens, wo sie sich mehr trauen, mehr provozieren, mehr riskieren, um ihre Grenzen zu erleben – und das braucht Energie auf der Elternseite.
Eine Ärztin hat einmal vor ein paar Jahren zu uns gesagt: „Das Leben der Kinder dreht sich um das Leben der Eltern und nicht umgekehrt!“ Dieser Satz kommt mir immer wieder mal in den Sinn und zwar in dem Sinne, dass es für mich schon schön ist, den Kindern viel Platz zu geben und Zeit zu widmen, aber dass es genauso wichtig ist, ihnen ihren Platz zu geben, d.h. sie sind eben die Kinder und nicht der (alleinige) Lebensmittelpunkt von uns Eltern. Wir sind ja auch nicht nur Eltern, sondern eben auch Partner, Freund, Arbeitskollege etc. Es ist gar nicht so leicht hier ein gutes Gleichgewicht zu finden. Vielleicht „stürzen“ wir uns in den reichen Ländern deswegen so sehr auf die Kinder, weil wir spüren, dass wir uns aus „viel Geld“, „viel Besitz“, „viel Macht“ keinen Lebenssinn rausholen können. Und beobachte einmal ein Kind, nimm dir Zeit für ein Kind – unmittelbar kommst du, komme ich in Berührung mit dem Wunderbaren des Lebens, der ansteckenden Neugier und Lebensenergie, die Kinder in sich tragen.
Als humoristischen Ausgleich habe ich mir vor ein paar Wochen das Buch „Die Müttermafia“ reingezogen, ein Buch über perfekte Mütter, die perfekte Kindererziehung (glauben zu) leisten. Conclusio: Liebe das Chaos und liebe das Leben!
Hatte zuletzt auch mit meinen Eltern ein Gespräch über Kindererziehung damals und heute. Jede/r versucht/e nach bestem Wissen und Gewissen seine Kinder großzuziehen und kann das auch nur auf der Schablone des eigenen Weltbildes machen. Ich empfinde es zumindest so, dass die Verunsicherung (natürlich damit gekoppelt auch die Entscheidungsfreiheit) heute größer ist, denn es gibt nicht nur ein Modell oder zwei sondern ganz viele; es gibt auch unendlich viele Informationsmöglichkeiten, die zur eigenen Meinungsbildung beitragen. Und zwischen all dem gilt es rauszufiltern, was für einen selbst dann als passend, richtig, … anzusehen bzw. umzusetzen ist. Es genügt ja zB nur das Thema „Impfen“ oder „Gesunde Ernährung“ herzunehmen. Mann könnte sich mit je 10 Büchern eindecken und je 3 Fachleuten reden und müsste hinterher erst selbst wieder entscheiden, welche Variante mann übernimmt.
Nach dem Wellness-Boom scheint nun Work-Life-Balance das große Schlagwort zu sein. Ich würde es (in unserem Fall) auf Work-Life-Family-Balance erweitern. Gleichgewicht, Balance – ein gutes Bild, denn es nimmt mit ins Bild auf, dass ein permanentes „In-Bewegung-Sein“ bzw. „Bewegt-Sein“ der Normalstatus ist. Auch wer schläft, bewegt sich ziemlich viel … Und ob die (familiären) Bewegungen nun „Schafblattern“, „Mama auf Kur“ oder „Papa läuft mal wieder“ heißen, das Gleichgewicht scheint das Geheimnis zu sein und „runterfallen“ ist „erlaubt“, oder besser noch „hin und wieder erwünscht“ – bringt einen unglaublichen Perspektivenwechsel! In diesem Sinne freue ich mich auf die 2. Hälfte meiner Väterkarenz und bin schon auf sämtliche „Bewegungen“ und „Gleichgewichtsversuche“ gespannt.